Digital Death
Interview published in novum, world of graphic design, 2015
Text: Herbert Lechner, 4 minutes read
»What happens to all our digital data after we die?«. Designerin Kristina Kulzer hat sich mit Aspekten des digitalen Todes auseinandergesetzt und zeigt auf, warum UX Design heute nicht nur user-centered, sondern ›human‹ sein muss.
Wir liken, sharen, posten, twittern, googlen - Social Media haben für die zwischenmenschliche Kommunikation eine wachsende Bedeutung. Das soziale Miteinander spielt sich gleichermaßen im physischen wie im virtuellen Raum ab, nicht wenige haben online inzwischen weit mehr Freunde als im realen Leben. Zum Leben gehört der Tod, aber der ist in den Konzepten der Netzwerke eigentlich nicht vorgesehen. Kristina Kulzer hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Hochschule Pforzheim, Studiengang Creative Direction, intensiv mit Trauer im Internet beschäftigt. Im Mittelpunkt standen dabei Tod und Trauerarbeit bei Instagram und Facebook, die meistbesuchten sozialen Netzwerk in Deutschland.
»In der Position, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten und darauf auch reagieren zu können, ergibt sich für Designer:innen eine Verantwortung: Fragen stellen, Defizite sichtbar machen, Alternativen entwickeln«.
So zeigte sich, dass Instagram und Facebook nur bestimmte menschliche Qualitäten abbilden kann - der Umgang mit dem Tod eines Nutzers gehört nicht dazu. Zwar hat das Netzwerk offenbar dieses Defizit inzwischen selbst erkannt, doch eine befriedigende Lösung für dieses sensible Thema gibt es bisher nicht. Stellen sich doch einige prinzipielle Fragen: »Was geschieht mit all den virtuellen Daten, die eine Person mit ihrem Tod hinterlässt? Wird jeder Mensch im Netz unsterblich? Darf jeder online mitteilen: »›Du wirst mir fehlen! #RIP‹? Was ist angemessen? Ist das alles zu privat? Oder Trauerarbeit 2.0?« (Kulzer).
Was würde mit seinen Hinterlassenschaften im Netz geschehen? Für ihre Untersuchung näherte sie sich auf verschiedene Weise dem Sujet: In Interviews klärte sie zunächst, dass die virtuelle Präsenz für die meisten Nutzer einen hohen Stellenwert hat und dass es auch sehr individuelle Wünsche gibt, was mit dem eigenen virtuellen Nachlass geschehen soll.
Doch lässt sich bei der Anmeldung bei den Social Media schwerlich fragen, was im Todesfall damit passieren soll. »Denn die meisten wollen sich nicht mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen, habe ich bei meinen Recherchen herausgefunden.« Zudem verweisen gemeinsame Bilder und Verlinkungen stets auf mehrere Personen - Hinterbliebene haben unterschiedliches Interesse am Erhalt eines Profits. Bisher gibt es nur die Möglichkeit der Löschung oder der »Memorisierung«, eine Art elektronisches Kondolenzbuch. Wie Trauerarbeit in den sozialen Netzwerken aussieht, dokumentierte Kristina Kulzer im März 2014 anhand von Postings mit dem Hashtag #RIP, die sich auf Verlust im privaten Umfeld beziehen.
»Stop. Hide. Choose. Forget. Remember. Create.«
– fünf UX-Design-Ansätze zeigen, wie Trauerarbeit 2.0 aussehen könnte.
Wie Trauerarbeit 2.0 aussehen könnte, hat sie in Gesprächen mit Experten erforscht. Schließlich entstanden daraus fünf denkbare UX-Design-Konzepte. Wie ließe sich zum Beispiel die tradierte Trauerkultur der analogen Welt im Netz adaptieren? Mit dem »Remember«-Konzept sollen die Hinterbliebenen als Kollektiv die Möglichkeit für ein digitales Monument bekommen, sozusagen ein kollektives Gedächtnis, das besonders wichtige Inhalte des Profils bewahrt. Eine Option könnte auch sein, dass unterschiedliche Beziehungsgruppen - Familie, Berufskollegen, rein virtuelle Freunde - Zugang zu unterschiedlichen Inhalten haben, ganz im Sinne einer Weiterentwicklung des Social Media-Prinzips. Bei »Stop Interaction« zeigt die Autorin, dass nach dem Verlust eines geliebten Menschen die digitale Wirklichkeit zunächst nebensächlich wird und keine Hilfe im Trauerprozess bietet. Auch weil bisher auf die Mitteilung von »Tod« nur mit »liken« oder Schweigen reagiert werden kann.
Kristina Kulzers Arbeit wagt die ungewohnte Themenpaarung »Tod und Technologie« und zwingt zum Nachdenken. Für ihre Arbeit erhielt die Designerin den MACD-First, die Auszeichnung des Masterstudiengangs Creative Direction der Pforzheimer Fakultät für Gestaltung, die richtungsweisende Arbeiten aus dem Studiengang prämiert und deren Publikation fördert.